Immer mehr Schulabgänger drängt es zum Studium, viele andere bringen nur unzureichende Voraussetzungen für eine Berufsausbildung mit. Die Folgen sind seit Jahren unübersehbar und spiegeln sich auch im aktuellen Berufsbildungsbericht der Bundesregierung zahlenmäßg wider. Danach sind rund 41.000 Lehrstellen in Deutschland im Jahr 2015 unbesetzt geblieben, obwohl gleichzeitig über 20.000 junge Menschen keinen Ausbildungsplatz fanden. Hinzu kommt etwas über eine Viertelmillion Schulabgänger in den sogenannten Übergangssystemen, die in berufsvorbereitenden Kursen und unspezifizierten Weiterbildungsmaßnahmen zwischengeparkt sind, darunter auch viele Jugendliche mit Lernschwierigkeiten und Migrationshintergrund. Dieser sogenannte Übergangsbereich ist laut Bericht im Jahr 2015 um 7,2 Prozent, also um rund 70.000 Menschen angestiegen. Der Anstieg wird vornehmlich auf die Flüchtlinge zurückgeführt, da diese erstmals auch in der Berufsbildungsstatistik erfasst sind.

Während die Bundesbildungsministerin auch gleich eine neue Kampagne starten will, die vor allem die Vorteile und Möglichkeiten der dualen Ausbildung bewirbt, schieben sich alle anderen Beteiligten mal wieder gegenseitig die Schuld an der Misere zu. Der DGB kritisiert die Wirtschaft, die angeblich viel zu wenig Ausbildungsplätze bereitstellt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bemängelt vor allem Qualität und Zukunftsorientierung vieler Ausbildungsberufe. Dabei wird aber komplett unterschlagen, dass auch der Kenntnis- und Bildungsstand der Schulabgänger bei weitem nicht mehr ein durchgängig hohes Niveau besitzt. Viele Jugendliche werden nach zehnjährigem Unterricht gar ohne Schulabschluss entlassen, manche haben in der Zeit weder Lesen noch Schreiben gelernt. Von adäquater Ausbildungsvorbereitung ganz zu schweigen. Es ist also kaum verwunderlich, dass mehr als 1,3 Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 29 Jahren keinen Berufsabschluss vorweisen können. Der Ausbildungsbetrieb kann sich nicht auch noch um alle Versäumnisse des vorangegangenen Bildungsweges kümmern. Mit anderen Worten:  Angebot und Nachfrage passen immer häufiger nicht zusammen.

Immer noch hofft man auf einen positiven Effekt, der von jungen Flüchtlingen am Ausbildungsmarkt zukünftig ausgelöst wird. Dabei sprechen die bisherigen Erfahrungen mit Migrantinnen und Migranten in diesem Bereich aber eine gänzlich andere Sprache. Junge Ausländer verlassen die Schulen doppelt so häufig wie junge Deutsche ohne Abschluss (11,9 zu 4,9 Prozent). Von den jungen ausländischen Männern starten nur halb so viele eine Ausbildung wie aus der Mitte der jungen deutschen Männer (33,2 zu 66,0 Prozent). Bei jungen Frauen liegt das Verhältnis bei 28,8 zu 46,0 Prozent.

Solange Schulen und Wirtschaft getrennte Wege gehen, wird sich an den vielen Disproportionen nichts ändern. Die Probleme anzugehen, ist höchste Zeit. Da ist wohl auch jeder erst gemeinte Vorschlag willkommen. Die Vorzüge des dualen Bildungssystems und die sich daraus ergebenden beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, das sind die Geschichten, die man Schülern frühzeitig vermitteln muss. Viele kennen einfach nicht die Wege, die ihnen offen stehen. Schule hat an diesem Punkt bisher nur wenig beigesteuert. Ob die aufwendig installierten Jugendberufsagenturen hier einen positiven Beitrag leisten können, das bleibt abzuwarten. Berlin liegt bei den vorgestellten schlechten Zahlen zumindest bisher noch ganz weit vorn.